ÖVP-Klubklausur am Wolfgangsee
Als Mitglied des Unterrichtsausschusses war für mich insbesondere der zweite Tag der ÖVP-Klubklausur in St. Wolfgang von Interesse als die Bildungsdiskussion unter dem Motto „Fördern. Fordern“ begonnen wurde.
„Die Mitbestimmung der Betroffenen, die Wahlfreiheit der Eltern und die Differenzierung müssen gesichert sein“, bekräftigt ÖVP- Klubobmann Dr. Wolfgang Schüssel. „Es wäre absurd, für alle Talente und Begabungen einen einzigen Schultyp zu kreieren“, so Schüssel in der Diskussion mit ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer, der Wiener Stadträtin Mag. Katharina Cortolezis-Schlager, dem Grazer Stadtrat Werner Miedl, der Vorsitzenden der AHS-Lehrergewerkschaft Eva Scholik und dem Bildungsexperten Dr. Alexander Jehn vom Kultusministerium Hessen.
„Es ist eine tolle Idee, dass die Hauptschulen mit den Oberstufen stärker kooperieren“, so Schüssel. Interessant ist für ihn der Ansatz, die Hauptschulen verstärkt auf die Berufsbildung zu orientieren. Er fordert auch eine „größere Offenheit für Schulen, damit die Schülerinnen und Schüler neugierig werden“. Vorstellen kann er sich beispielsweise, Praktiker aus der Wirtschaft und native speakers für die Ausbildung in Schulen zu holen. Der ÖVP- Klubobmann plädiert weiters für den Respekt und die Anerkennung für Lehrerinnen und Lehrer. Denn für Schüssel steht fest: „Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den jungen Menschen die beste nur denkbare Ausbildung mit auf den Weg zu geben.“ Und Schüssel betont weiter: „Es geht um den ganzen Menschen, die ganzheitliche menschliche Bildung.“ In dem Zusammenhang spricht er die Aufwertung des Musischen an. Mehr Beachtung wünscht sich Schüssel auch für die vorschulische Ausbildung.
Erfreulich ist aus Schüssels Sicht die niedrige Jugend- Arbeitslosigkeit in Österreich sowie die niedrige Zahl der Schulabbrecher – in beiden Bereichen liegt Österreich deutlich besser als der EU-Durchschnitt. Eine „bittere Verschlechterung“ sieht Schüssel bei der Lesefähigkeit. „Dass 20 Prozent unserer Kinder nicht zusammenhängend und sinnerfassend lesen können, ist ein Alarmzeichen.“ Schüssel spricht weiters die zahlreichen bereits durchgeführten und laufenden Schulversuche an. „Es laufen seit den 70er Jahren 42 verschiedene Modelle.“ Wenn man sich die Evaluierungen anschaut sieht man: „Die Türschilddebatte alleine sagt nichts aus.“
„Ich bin begeistert, dass die Bildungsdiskussion Tiefe bekommt und nicht nur mehr von ‚Bildungs-Gurus’ geführt wird“, so der ÖVP- Bildungssprecher Fritz Neugebauer. Im Koalitionsprogramm liegt der Schwerpunkt in der Schärfung und Weiterentwicklung der Bildungsqualität – und nicht in der Debatte über Organisationsform. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden – beschränken wir uns auf die Kernthemen.“ Beim Thema Leistung –„wir alle stehen für Leistungsbereitschaft und Leistungsbewertung“– kritisiert der ÖVP- Bildungssprecher ein Papier der Bildungsministerin zu ihren Perspektiven für die Neue Mittelschule. Darin heißt es: „Es gibt keine Leistungsbeurteilung mehr, es sei denn, der Schüler wünscht es.“ Neugebauer: „Damit ist sie bei mir am falschen Dampfer.“
„Die ÖVP steht für Wahlmöglichkeiten und die Teilhabe der Betroffenen“, stellt Neugebauer klar. „Schulpartnerschaft muss konkret gelebt werden“, fordert er. „Die Bildungsfragen der Zukunft können wir nur gemeinsam bewältigen“, plädiert Neugebauer. „Die ÖVP lädt Eltern und Lehrer zu einer verstärken Erziehungspartnerschaft ein.“ Der ÖVP-Bildungssprecher ging auch auf einen weiteren Punkt aus dem Regierungsübereinkommen ein: Die Ausarbeitung eines Bildungsplanes für Kindergärten. „Die weitere Pädagogisierung in den Kindergärten tut Not.“ Neugebauer bekräftigt auch: „Differenzierung ist das Zauberwort und nicht eine undifferenzierte Schulform, die aufs Auge gedrückt wird.“ Und: „Der Ton macht die Musik. Zunächst trommelt Schmied auf die Lehrer/innen hin, heute am Welt-Lehrertag gibt sie Geld für Schalmeientöne aus. Wenn sie auf die besondere Notwendigkeit der Teamfähigkeit hinweist, rate ich ihr, das auch zur Maxime für ihr Handeln anzunehmen!“
„Bildung heißt, miteinander reden und nicht gegeneinander kämpfen“, so die Wiener Stadträtin Mag. Katharina Cortolezis- Schlager, die die Perspektivengruppe Bildung geleitet hat. Zur aktuellen Diskussion meint sie: Sie will die Kinder auch weiterhin individuell, entsprechend ihren Begabungen und Interessen, gefördert wissen. „Wir müssen die Kinder abholen.“ Weiters betont sie: „Es gibt ein Recht auf Bildung in allen Lebensabschnitten.“ Sie plädiert auch für ein stärkeres Zusammenrücken von Familien- und Bildungspolitik.
„Es gibt keinen Zeitpunkt wo man sagen kann: ‚Ich habe ausgelernt’“, fährt Cortolezis-Schlager fort. „Die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems ist wichtiger als das Türschild.“ Das österreichische Schulsystem zeichnet sich durch eine Fülle an Gesetzen aus: „Wir brauchen nicht zusätzliche, sondern weniger Gesetze.“ In Wien sieht sie das Problem, dass Gesetze schlicht und einfach nicht eingehalten werden. „Das muss Konsequenzen haben.“ Sie will eine Qualitätsgarantie bis zum 18. Lebensjahr. Das bedinge den Ausbau der Schulautonomie. Eltern und Lehrer müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen für die Bildung unserer Kinder. „Unsere Kinder sollen so viele Chancen bekommen, wie sie benötigen, um ein erfolgreiches Leben zu führen.“
„Wir wollen Schule bewegen“, macht Mag. Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, auf den heutigen „Welt- Lehrertag“ aufmerksam. „Wir haben in der Bildungsdiskussion durch die Perspektivengruppe neuen Wind bekommen.“ Für sie ist wichtig, dass es von der Gesamtschuldiskussion nun zu einer Diskussion rund um ein ganzheitliches Schulsystem gekommen ist. „Bildung ist ein umfassendes System. Und das österreichische hat viele Stärken.“ Sie verweist darauf, dass das österreichische Schulsystem bedarfsorientiert ist, und: „Wir bringen die Schule zu den Kindern und nicht die Kinder zu den Schulen.“ Scholik plädiert: „Lassen wir uns doch nicht einreden, dass unser System, das in den 70er Jahren bewusst nicht auf Gesamtschule umgestellt wurde, 40 Jahre später umgebaut werden soll, wo man in anderen Ländern bereits wieder zurück geht.“ In der aktuellen Diskussion rund um Schulversuche kritisiert sie die mangelnde Diskussion und Einbindung.
„Wenn in den Städten im Bildungssystem nichts passiert, dann passiert etwas“, warnt der Grazer Stadtrat Werner Miedl, der aus der Praxis über Probleme in Ballungszentren berichtet. Und weiter: „Wer die Reform ohne Lehrer, Eltern und Schüler machen will, versucht ein Auto ohne Motor in Gang zu setzen – das wird nicht funktionieren.“ Er berichtet aus Graz, dass die Hauptschulen nach und nach an Schüler verlieren. Ein ernstzunehmendes Problem sieht Miedl auch in der Entwicklung der Polytechnischen Schulen. Einen Lösungsansatz sieht er in der Kreation eines „Schulverbundes“, d.h. eine Kooperation zwischen Hauptschulen und AHS. Dabei wichtig ist die Leistungsdifferenzierung.
„Das Schlafmittel in den 70er Jahren hieß Gesamtschule, heute steht auf der Packung Einheits- oder Gemeinschaftsschule“ leitet Dr. Alexander Jehn vom Kultusministerium Hessen sein Impulsreferat ein. Er sieht eine Parallele in der österreichischen und deutschen Bildungsdiskussion: „Es droht der Rückfall in längst gescheiterte Bildungsexperimente. Statt Empfehlungen von Bildungsexperten zu folgen, hat die Sozialdemokratie in Österreich und auch manchen Teilen Deutschlands die längst gescheiterte Einheitsschule aus der Mottenkiste wieder hervorgekramt“, kritisiert der Bildungsexperte. Für Jehn liegt ein Nachteil klar auf der Hand: Die individuelle Betreuung und Förderung der Schüler wird vernachlässigt, „viel Frustration ist vorprogrammiert“. Er sieht einen Grundfehler darin, dass von „Einheitsschülern“ ausgegangen wird, die es so aber nicht gibt. Abschließend warnt er: „Wer den Damm für die Einheitsschule öffnet, öffnet einen Tsunami für die Bildungsqualität.“ Und: „Seien Sie in Österreich ein bisschen stolz, was sie haben. Gehen sie auf die Lehrer zu, denn eine Bildungsdebatte ist auch eine Wertschätzungsdebatte den Lehrerinnen und Lehrern gegenüber.“



